Glasaugen nach Maß

Augäpfel so weit das Auge reicht. Sie blicken starr und kalt, aber gleich bekommen sie lebensechte Bemalungen. Stefan Tesch hat einen der drei Glasaugenmacher Österreichs besucht und in falsche Augen geblickt.

„Machen’s mir a größere Pupille, ich nehme manchmal was“. Kundenwünsche solcher Art, lassen sich nur an Glasaugen erfüllen. Ihre Macher: Ocularisten. Österreichweit gibt es lediglich drei Glasaugenmacher. Ihnen gegenüber stehen rund 6000 Glasaugenträger. Dass man jedoch Glasaugen im Alltag kaum zu Gesicht bekommt, liegt am hohen Niveau dieses Handwerks. Peter Falk, alias Inspector Columbo, ist trotz investigativen Weitblicks kein geeignetes Beispiel.

Vom Glasbläser zum Augenmacher

Foto: Stefan Tesch

Eine medizinische Ausbildung ist nicht notwendig. Gläser zu blasen ist die Vorbereitung auf den Beruf, um mit dem fragilen Werkstoff vertraut zu sein. „Danach dauert es sechs bis sieben Jahre, bis man auf hohem Niveau arbeiten kann“, erklärt Nikolaus Kerbl, Inhaber des ältesten Instituts im Lande – „Asprion Augenprothetik“. Er sitzt gerade an seinem Schreibtisch im Atelier in Wien und bläst mit dem Mund sanft einen Luftstrom in ein milchiges Auge. Unter ihm schnurrt ein kleiner, kraftvoller Gasbrenner, in dessen Flamme das werdende Auge ab und zu getaucht wird. 20 Jahre macht er schon Glasaugen, aber „immer lerne ich noch etwas dazu“, erklärt er kurz, bevor er einen neuen Mund voll Luft in den Glasköper strömen lässt.

Bunte Glasstäbchen liegen verstreut und ungeordnet am Schreibtisch. Dazwischen lugen Oculi diverser Kaliber leblos in alle Richtungen. Ursprung eines jeden Auges ist eine simpel anmutende Glasröhre aus speziell für diese Zwecke hergestelltem, trübem Kryolith-Glas. Daraus bläst Kerbl hohle Kugeln in Augenform – gut, dass er in der Glasbläserschule war. Sein kleiner aber kraftvoller Gasbrenner, der zwischen Tischkante und Oberkörper gefährlich laut zischt, zerschmilzt alles, was in die Nähe kommt. Die wie Kerzen auf Geburtstagstorten aussehenden bunten Glasstäbchen, auch Zeichenstängel genannt, sind der Clou hinter der Glasaugenmacherkunst. Mit außergewöhnlich ruhiger Hand führt Kerbl einen blutroten Stängel an die Flammenspitze des Brenners. Kurz darauf zieht sich ein hauchdünner Glasfaden herab. Blitzschnell tupft er ihn auf den angewärmten Augapfel. Faden für Faden, Farbe für Farbe schreitet das Schauspiel voran, bis nach rund einer Stunde die Äderung auf der Sclera – dem Weißen des Auges – lebensecht aussieht. Zugegebenermaßen schummelt der bequeme Ocularist ab und zu. Hinter ihm stehen mehrere Setzkästen voller fertig geblasener Augen mit Pupille und Iris in verschiedensten Größen und Farben. Im Arsenal kuscheln die weißen Kugeln mit Irisklecks dicht aneinander und warten auf ihre künftigen Besitzer. Echt sehen sie noch nicht aus, denn die Äderung fehlt noch. Die Importware aus Deutschland ist feinste Handarbeit. „Wenn Kunden kommen, habe ich gleich eine Menge Augen, um den richtigen Farbton der Iris zu bestimmen“, sagt Kerbl. Iris und Pupille zu fabrizieren würde eine weitere Stunden in Anspruch nehmen. Vier bis fünf Augen produziert Kerbl täglich. Das ist Konzentration pur.

Fotos vom Hersteller von Augenprothesen und Glasaugen; Firma Asprion; Im Bild: Herr Nikolaus Kerbl

Zeit ist rar, denn der 42-jährige Ocularist tourt das ganze Jahr durch Österreich. Morgen Innsbruck, übermorgen Dornbirn und am Heimweg noch eine Stippvisite in Graz. „Kundenservice“, nennt er es, denn „eigentlich könnten die Leute ja auch zu mir in die Praxis kommen.“ Die Dienste auf Reisen anzubieten ist Berufstradition. Insgesamt bereist er jährlich elf Destinationen, in denen er mehrere Tage verweilt. Ein paar Kisterl voller Augen, der Gasbrenner, das Zubehör eingepackt und schon kann es losgehen. Der Reisende werkt dann an seinem mitgebrachten Arbeitsplatz in Hotels, Universitäten und Krankenhäusern.

Fertig ist das Auge, das Kerbl gerade zu basteln begonnen hat, noch lange nicht. Sobald alle Glasfäden zu blutdurchströmten Adern mutiert sind und der anfangs grell-weiße Augapfel lebensecht aussieht, bekommt er eine Glasur aus Kristall. Dieser verleiht dem zeichnerischen Kunstwerk darunter Tiefenwirkung und Dimension. Nun wird die noch hohle Kugel auf die Form einer kleinen Schale reduziert. Nur der sichtbare Bereich des Auges bleibt in Form einer kleinen Schale übrig, der Rest wird abgeschlagen und abgeschliffen. In den Augenhöhlen der Kunden ist nämlich kaum Platz für eine große Kugel. So hängt es auch vom Versehrtheitsgrad der Augenhöhle davon ab, ob sich das Kunstauge synchron zum intakten Auge bewegt oder nicht.

6000 Augen von drei Machern

Foto: Stefan Tesch

Rund 6000 Menschen haben in Österreich ein Glasauge. Alle ein bis zwei Jahre gehört so eine Prothese durch eine Neue ersetzt, denn Tränenflüssigkeit in Verbindung mit Staub aus der Umgebung rauht die Oberfläche auf. Insgesamt drei Ocularisten bewerkstelligen den Kundenansturm. Einer in Vorarlberg, einer in Graz und Kerbl in Wien. 1995 hat Kerbl das älteste Institut seiner Klasse vom Onkel übernommen und ist enorm stolz darauf. Ein Vorgänger namens Paul Asprion hatte es schon 1925 eröffnet. „So etwas würde ich auch nur einem Familienmitglied beibringen“, meint Kerbl skeptisch. Denn die Ausbildung kann nur in einer dieser raren Praxen gemacht werden und ist mit enormem Aufwand verbunden. Er hat es am eigenen Leibe erfahren. „Die Ausbildung nicht abzubrechen ist Ehrensache.“

Die Geschichte der Kunstaugen beginnt verblüffend früh: 3000 vor Christi Geburt. Die alten Ägypter pflanzten Gebilde aus Stein, Muscheln, Elfenbein oder Halbedelsteinen ein – allerdings nur in steinernen Ebenbildern. Unklar sind die Anfänge der ersten richtigen Kunstaugen aus Glas wie sie heute getragen werden. Im 17. Jahrhundert experimentierte man mit Augenprothesen aus Metallen. Richtig ging es aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich unter der Glasaugenkoryphäe Auguste Boissonneau, dem Begründer der modernen Ocularistik, los. Er machte erstmals individuell angefertigte Glasaugen massentauglich und führte die für die Branche übliche Reisetätigkeit ein. Das Pendant in Deutschland war wenig später Ludwig Müller-Uri. Kerbls Vor-Vorgänger und gleichzeitiger Begründer des Unternehmens, Paul Asprion, lernte von ihm.

Schwierigkeiten beim Wein einschenken

Foto: Stefan Tesch

„Grundsätzlich kann man trotz eines Glasauges fast alles machen“, erklärt Kerbl, Träger zweier gesunder Sehwerkzeuge. Davon ausgenommen sind wohl Berufe, für die besonders gute visuelle Fähigkeiten notwendig sind, etwa bei Piloten. Mit nur einem Auge fehlt nämlich die dritte Dimension beim Sehen, das Gefühl für Tiefe. „Beim Wein einschenken oder Stiegen steigen, spüren die Leute ihre Anfangsschwierigkeiten“, erzählt der Ocularist. „Aber man gewöhnt sich dran.“ Seinen Kunden werden die Augäpfel entweder wegen eines Unfalls oder eines Tumors entfernt. Vom Baby bis zum Greis – alle harren in seiner Werkstatt dem Augenmeister gegenüber und blicken zur Anprobe in den starken Vergrößerungsspiegel.

„Frauen sind die besonders heiklen Kunden“, erzählt der Ocularist aus der Praxis. Trotzdem verfolgt alle der gleiche Wahn: „Glasaugenträger denken, alle die sie ansehen, würden lediglich in ihr falsches Auge starren. Tatsächlich ist das aber nicht so, weil gut gemachte Prothesen sind schwer als solche zu enttarnen.“ Dass man es nicht auf den ersten Blick sieht, ist in der Branche also die beste Werbung.

Solides Glas

Foto: Stefan Tesch

„Augen aus Glas sind ein österreichisch-deutsch-schweizerisches Phänomen“, erklärt Kerbl, denn das Rohmaterial, das Kryolith-Glas wird in einer einzigen Glashütte in Deutschland produziert. Aufgrund der Verfügbarkeit des Materials und der Tradition dieser Verarbeitung „werden sie viel mehr nachgefragt als Kunststoffaugen“. Der Vorteil liegt auf der Hand: Glasaugen sind wesentlich glatter und gleiten im Film aus Tränenflüssigkeit weitaus geschmeidiger als ihre Artgenossen aus Kunststoff. Zudem ist die Produktion aus Glas auch einfacher und weniger zeitintensiv. Wermutstropfen: Wenn die Prothese hinunterfällt und hart aufschlägt, bricht sie. Kunststoff nicht. In Österreich übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Augenprothesen, denn Alternativen – außer die Augenhöhle zuzunähen – gibt es nicht, „und das macht niemand“. 120 bis 150 Euro bekommt Kerbl für ein gläsernes Auge und träumt davon, in Deutschland zu arbeiten, denn dort kassieren seine Kollegen rund 300 Euro pro Auge.

Fertig. Kerbl hält die fertige und glasierte Prothese aus Glas triumphierend in den Händen. Nun legt er sie vorsichtig in ein warmes Wasserbad, damit das empfindliche Material langsam abkühlen kann und nicht springt. Maßarbeit – sein neuer Besitzer wartet schon darauf.

 

Der Artikel entstand während eines Redaktionspraktikums bei DiePresse.com.